Stadttheater Giessen
    Konflikt der Kulturen wird offenbart

    Konflikt der Kulturen wird offenbart

    Tina Müllers Stück „Türkisch Gold“ im Theater im Löbershof des Stadttheaters

    Dass man Zeit durchaus mit dem Austausch von kulturellen Stereotypen und Fremdbildern totschlagen kann ist ein gängiges Talk-Show-Phänomen. Jungautorin Tina Müller hat daraus immerhin ein Zwei-Personen-Stück gestrickt, das am Freitagabend im TiL Premiere hatte. Die Grundidee vereint all das, was man sich von einem guten Stück fürs jüngere oder jung gebliebene Publikum erhofft: In vier Bildern spielen die Schüler Luiza (Christin Heim) und Jonas Milan Pešl) sämtliche Horror- und Glücks-Szenarien nach, die eine Beziehung zwischen einer jungen Türkin, Aynur, und einem Deutschen, eben Jonas, heimsuchen könnten. Dabei schlüpfen sie in die verschiedensten Rollen -  zeichnen Menschen anhand der gängigen Vorstellungen vom anderen. Im Prinzip handlungsarm wie Unterhaltungen nun einmal sind, wird das Stück durch die permanente Neu-Inszenierung  möglicher Welten lebendig, aber das war’s auch schon. Die Dialoge oder Monologe sind sperrig, wirken gestellt, meilenweit entfernt von dem, was man als Jugendsprache bezeichnen könnte. Selbstverständlich gibt’s ordentlich viel „krass“, „korrekt“ und „dine Mudder“, und Christin Heim hortet als Aynurs Bruder die meisten Lacher auf ihrer Seite. Dafür wirkt Pešl umso blasser, gezwungen lustig – einzig seine Mimik, wenn er die türkische Oma von Aynur gibt, ist unbezahlbar.
    Das Stück ist trotzt diverser Spiele im Spiel über weite Strechen langatmig – wobei es verfehlt wäre, alles auf die Schauspieler abzuwälzen. Das Spiel an sich startet dröge, und Stereotype sind nun einmal schnell erschöpft. Wenngleich das aus weißen Tüchern gewebte Bühnenbild von Udo Herbster den Gedankenraum als solchen elegant und treffend repräsentiert, pappt die Exposition erstmal einige Minuten auf der weißen Decke, auf der sich Luiza und Kumpel Jonas vom letzten Urlaub erzählen. Obgleich Jonas sozusagen ein „Hip Hopper“ ist, wirkt die Figur eher wie ein alternativer Möchtegern-Hippie. Er tanzt verträumt durchs Bühnenbild, spielt Aynur, spielt sich selbst und zögert immer wieder, wenn seine Freundin Luiza ihm kompromisslos klarmachen will, worauf er sich einlässt: Eine Streberin, die mit „Kopftuchträgerinnen“ befreundet ist, daheim ihren Zwillingsbruder  hat, der die Familienehre retten will und schon seinen Buddy Mustafa als besseren Freund ausgewählt hat. Natürlich verfolgt Luiza einen Plan, nämlich Jonas beziehungstechnisch für sich zu rekrutieren. Während sie weiß, wohin die Chose gehen soll, ist er stets unschlüssig – kommt sogar bisweilen zu dem Schluss, „eigentlich lieber nicht“ mit Aynur gehen zu wollen.
    Bisweilen, aber nie über lange Strecken, wird das Stück dynamisch, man hat das Gefühl, es könnte endlich auch mal swas passieren. In der zweiten Szene hauen sich Luiza und Jonas minutenlang Gerüchte um die Ohren. Tuscheleien auf dem Schulhof, aggressive Brüder, die „schwörn“: „Da trampel ich das Genick ein – bei Allah!“ Außerdem Rechtsradikale, verstörte beste Freunde – kurz: indem sie das Bühnenbild und damit die Traumwelt buchstäblich in Fetzen reißen, wird der Konflikt der Kulturen eindrucksvoll offenbart.
    Am Ende steht die potenzielle Flucht. Auf einem fliegenden Teppich zurück in den Türkei-Urlaub. Illusionsdurchbrechende Faktoren sind ja durchaus zu loben -  nur manchmal machen sie alles einfach nur schlimmer. Dann am Strand wieder Kopftuch auf, Kopftuch runter – mal geht’s um Religion mal um die Eltern. Daheim wird Jonas’ Vater fast wahnsinnig vor Sorge und meint, Aynurs Eltern vom deutschen Erziehungsstil überzeugen zu müssen. Die werfen ihn raus. Das lange absehbare Ende koinzidiert mit dem Wendepunkt: Luiza, wieder als Aynur, und Jonas küssen sich. Danach weiß er felsenfest, was er will. Luiza scheint am Ziel. Dann rennt er fort zu Aynur – ganz typisch: Wenn Zwei sich streiten, freut sich der Dritte.
    Christina Mohr, 25.01.2010, Gießener Allgemeine Zeitung